Dokumentation mit Lerngeschichten
Wie Sie Bildungsprozesse mit Lerngeschichten nach Margaret Carr dokumentieren.
Lerngeschichten sind mehr als Dokumentation – sie sind ein Dialog mit dem Kind und seinen Eltern über Lernen und Entwicklung.
Was sind Lerngeschichten?
Entwickelt von Margaret Carr in Neuseeland, sind Lerngeschichten narrative Beobachtungen, die das Lernen eines Kindes beschreiben, analysieren und würdigen.
Der Unterschied zu anderen Dokumentationsformen
Nicht defizitorientiert, sondern positiv und ressourcenorientiert
Erzählend statt auflistend
An das Kind adressiert
Stärken und Interessen im Fokus
Die Struktur einer Lerngeschichte
1. Beobachtung (Was geschah?)
Beschreiben Sie die Situation:
Was hat das Kind getan?
Wo, wann, mit wem?
Konkret und anschaulich
2. Analyse (Welches Lernen zeigt sich?)
Interpretieren Sie die Beobachtung:
Welche Lerndispositionen zeigen sich?
Welche Bildungsbereiche werden berührt?
Was ist bedeutsam?
3. Nächste Schritte (Wie geht es weiter?)
Überlegen Sie:
Was können wir anregen?
Welches Material bereitstellen?
Welche Impulse geben?
4. Stimme des Kindes
Was sagt das Kind selbst dazu?
Nachfragen
Zitate aufnehmen
Kinderperspektive einholen
5. Elternstimme (optional)
Was beobachten die Eltern zu Hause?
Verbindung herstellen
Gemeinsame Perspektive
Lerndispositionen nach Carr
Carr beschreibt fünf Lerndispositionen:
Interessiert sein: Neugier, Aufmerksamkeit
Engagiert sein: Beteiligt, konzentriert
Standhalten bei Schwierigkeiten: Durchhalten, Frustrationstoleranz
Kommunizieren: Ideen ausdrücken, mit anderen teilen
Verantwortung übernehmen: Für sich und andere
Praktische Umsetzung
Zeit einplanen
Beobachtungszeit im Alltag
Schreibzeit einplanen
Nicht zwischen Tür und Angel
Beobachten lernen
Fokussiert beobachten (ein Kind, eine Situation)
Notizen machen
Fotos als Gedächtnisstütze
Schreiben üben
An das Kind adressiert ("Du hast...")
Wertschätzend
Konkret und anschaulich
Nicht zu lang
Einfache Sprache
In Dialog treten
Lerngeschichte mit Kind besprechen
Eltern einbeziehen
Portfolio pflegen
Beispiel einer Lerngeschichte
Lieber Jonas, Heute habe ich beobachtet, wie du am Bauplatz einen hohen Turm gebaut hast. Immer wieder ist er umgefallen, und du hast von vorne begonnen. Beim dritten Versuch hast du die großen Steine nach unten gelegt und die kleinen nach oben. "Der braucht einen festen Boden", hast du zu Lena gesagt und ihr gezeigt, wie es geht. Welches Lernen zeigt sich? Du hast nicht aufgegeben, obwohl es schwierig war. Du hast beobachtet, nachgedacht und eine Lösung gefunden: Schwere Steine unten geben Stabilität. Und dann hast du dein Wissen mit Lena geteilt – das zeigt mir, wie stolz du auf deine Entdeckung bist. Nächste Schritte: Ich möchte dir Bücher über Bauwerke und Architektur zeigen. Vielleicht möchtest du auch mit anderen Materialien bauen – was passiert wohl mit Kartons oder Bechern?
Herausforderungen
Zeitmangel
Priorisieren
Kurze Beobachtungen genügen
Team aufteilen
Schreiben fällt schwer
Übung macht den Meister
Im Team austauschen
Beispiele anschauen
Digitale Medien zu Hilfe nehmen
Alle Kinder im Blick
System entwickeln (welches Kind wann?)
Auch "unauffällige" Kinder beobachten
Fazit
Lerngeschichten machen Bildung sichtbar – für Kinder, Eltern und Sie selbst. Sie sind eine mögliche und sehr wertschätzende Form der Dokumentation, die das Kind als kompetenten Lerner würdigt.
Dieser Artikel gehört zum Themenbereich Lernen im Alltag. Weitere Artikel: Fachwissen für Fachkräfte